Mein Hochwasser Einsatz in Bautzen

Viele von euch wissen bereits, das ich seit über 10 Jahren Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr Bautzen bin. Dadurch konnte ich bereits 2002 Erfahrung mit Hochwasser sammeln, allerdings war es nicht meine Heimatstadt, sondern Dresden. Das so ein Hochwasser einmal Bautzen erfährt, hatte ich für unmöglich gehalten.

Aber fangen wir mal der Reihe nach an.

Eigentlich wollten meine Frau und ich das Wochenende auf unserem kleinen Gartengrundstück am Stadtrand verbringen. Die Wetterberichte der vergangenen Tage stimmten eh nie wirklich mit dem tatsächlichen Wetter über ein, also packten wir auch unsere Sachen schon zusammen. Gegen 9 Uhr am Samstag erhielt ich dann von meinem Unwetterwarndienst eine Unwetterwarnung vor extem ergiebigen Niederschlag von 60 Litern / qm. Wir hielten trotzdem am Wochenende im Garten fest und wollten das Wetter noch kurz beobachten. Eine Stunde später begannen wir dann schon nach Alternativen zu suchen, und planten einen Besuch im Café Valentin für den Nachmittag. Das würde die Kinder riesig freuen.

Kurz nach Mittag erhielt ich die ersten Hinweise, das im Oberland bereits Land unter ist und auch Feuerwehren aus dem Norden des Landkreises zur Unterstützung nachalarmiert wurden. Und draußen regnete und regnete es. Ich versuchte noch ganz normal mit den Kids zu spielen und ließ mir meine innere Unruhe nicht anmerken, aber eigentlich rechnerte ich jede Minute mit Alarm.

Gegen 16 Uhr war es dann soweit. Die Spree erreichte Warnstufe 3 und es erfolgte eine Routine-Alarmierung. Es sollten lediglich Brücken kontrolliert werden und eine Einsatzbereitschaft hergestellt werden. Ich übernahm die Aufgabe des Gruppenführers auf dem Löschgruppenfahrzeug 16/12. Kaum für die Allgemeine Überprüfung eingeteilt, kamen aber schon die ersten Meldungen von vollgelaufenen Kellern. Das ging schneller als jemals zuvor. Ich erhielt meinen ersten Auftrag.

1. Einsatz – Keller unter Wasser auf der Hans-Eisler-Str.

Nach einer kurzen Lageerkundung war klar, das die umliegenden Kanäle nichts mehr in den Albrechtsbach leiten konnten, und somit das Wasser nicht von oben in den Keller drückte, sondern von unten. Der Wasserstand betrug hier auch nur 1-2 cm, so daß für uns keine Maßnahme nötig war. Wir gaben noch Hinweise zum Verhalten bei Hochwasser und meldeten uns für den nächsten Auftrag bereit.

2. Einsatz – Keller unter Wasser auf der Fabrikstraße

Hier stand der Keller ca. 40 cm unter Wasser und wir entschlossen uns, ihn auszupumpen. Der Keller war nicht sonderlich groß und so dauerte es nur knapp 15 Minuten, bis wir uns wieder für den nächsten Auftrag frei melden konnten.

3. Einsatz – Kreuzung Stieberstraße / Karl-Liebknecht-Str. unter Wasser

Als wir angekommen waren, konnten wir keine Überschwemmung feststellen und übernahmen den nächsten Auftrag.

4. Einsatz – Überprüfung Albrechtsbach / Peter-Jordan-Str.

Als wir um die Ecke auf die Peter-Jordan-Str. einbogen, sahen wir schon das Hochwasser. Die komplette Straße war in Höhe des Autohauses überflutet. Das erste Auto, ein kleiner Ford, schwamm bereits im Wasser und konnte nur noch herausgeschoben werden. Wir sperrten zuerst die Zufahrtsstraßen ab. Das kam bei den ankommenden Fahrzeugen nicht sonderlich gut an, da diese keine andere Strecke, aufgrund von weiteren Sperrungen, nutzen konnten. Aber das Wasser war einfach zu hoch. Wir schützten mit Sandsäcken die umliegenden Häuser um das gröbste zu verhindern. Der sonst so kleine Albrechtsbach bahnte sich aber seinen Weg und wir konnten eigentlich nichts machen.

5. Einsatz – Kleintransporter schwimmt im Albrechtsbach

Der Kleintransporter, der uns beim 4. Einsatz die Absperrmaterialien brachte, steckte nun selbst auf der Straße “Am Albrechtsbach” fest. Wir zogen ihn aus dem Wasser.

6. Einsatz – Keller unter Wasser / Peter-Jordan-Str.

Über Funk erreichte uns die Meldung, das Bürger den Notruf gewählt hatten um uns zu sagen, dass die Keller auf der Peter-Jordan-Str. nun voll wären. Wir prüften die Keller und konnten aber keine Maßnahmen durchführen. Der Pegel in den Kellern war zum Glück erträglich unter 20 cm. Wir gaben noch Hinweise zum Verhalten bei Hochwasser und meldeten uns für den nächsten Auftrag bereit.

<< Wir sind jetzt auf die Wache gefahren um uns trockene Kleidung anzuziehen und etwas zu Essen. Dank der Schuleingangsfeier in unserer Wache war für Nahrung gesorgt. Danke! :) Aber gerade als wir trockene Sachen angezogen haben, kam ein dringender Einsatz. >>

7. Einsatz – Keller mit Gasheizung unter Wasser / Hoyerswerdaer Str.

Auch für solche Fälle ist unser Fahrzeug ausgerüstet, aber schlussendlich war es gar nicht so wild. Der Keller konnte ohne besondere Maßnahmen leer gepumpt werden. Da der Keller etwas größer und voller war, dauerte es ca. 30 Minuten.

8. Einsatz – Hang abgerutscht / Neusche Promenade

Wir wurden zur Unterstützung der Berufsfeuerwehr gerufen, um Schlamm von der Fahrbahn zu schaufeln. Als wir nun endlich vor Ort waren, war der Großteil des Schlamms bereits weggeschaufelt. Wir konnten uns für den nächsten Einsatz frei melden.

<< Kaffeepause – Wir hatten eine kurze Kaffeepause auf der Wache von ca. 4 Minuten bis uns ein dringender Einsatz aufbrechen ließ >>

9. Einsatz – Personenrettung // Person in Notlage auf der Bleichenstraße (Teil 1 von 22 – 24 Uhr)

Die Leitstelle hatte mehrere Notrufe entgegengenommen, dass dringend Personen aus dem Haus gerettet werden müssen, da der Pegelstand inzwischen gefährlich hoch war. Wir rückten aus, in nassen Sachen, ungestärkt. Wir wussten nicht recht wie wir auf die Bleichenstraße gelangen sollten, also fuhren wir in Richtung Heilige-Geist-Brücke. Angekommen haben wir das erste mal die Spree – und das enorme Ausmaß der Überschwemmungen gesehen. Alle Bürger der umliegenden Häuser freuten sich über unser Eintreffen, aber wir waren leider nicht wegen vollen Kellern gekommen, sondern wegen dringender Personenrettung. Die Bürger waren nicht erfreut. Wir mussten durch 1,50 Meter hohes Wasser um an das Gebäude zu kommen. Dort stellte sich heraus, das eine Person zwar nicht mehr nach Hause kommt, aber es ihr nicht schlecht geht. Das klang aber gar nicht nach dem erwarteten Rettungseinsatz.

Ich rief die Leitstelle zurück, die uns den Hinweis gab, über die Müllerwiese anzufahren und nocheinmal auf die Dringlichkeit hinwies. Wir waren also scheinbar noch am falschen Haus, da weitere Notrufe eingingen.

Also fuhren wir über die Müllerwiese zur Bleichenstraße. Zuersteinmal sackte unser Fahrzeug gefährlich ein und neigte sich stark zur Seite – es drohte umzukippen. Geistesgegenwärtig verteilten wir die Gewichte im Fahrzeug entsprechend. Es nützte nichts, unser Fahrzeug kam nicht frei, wir hatten uns bei Wasserstand 50cm festgefahren – und das Wasser stieg und stieg. Ein Kamerad hatte dann die Idee, die 1.600 Liter Wasser abzulassen. Dannach kamen wir frei. Puuh war das knapp.

Das Schlauchboot, welches zur Rettung benötigt wurde, brauchte noch 30 Minuten bis zur Einsatzstelle, es war sehr gefragt diesen Abend. Wir retteten zuerst die Personen, denen es nicht gut ging. Nach 4 Personen war allerdings Schluss. Wir mussten uns und unsere Technik aufgrund des weiter gestiegenen Pegels bis zum TGZ zurück ziehen. Unser trocken abgestelltes Fahrzeug stand schlagartig schon wieder einen halben Meter unter Wasser und es war knapp es wegzubewegen. Den restlichen Bewohnern ging es allerdings gut, sie wollten die Nacht im Haus verbringen, hatten aber Angst um die Fahrzeuge, die bereits 40 cm unter Wasser standen.

10. Einsatz – Vollgelaufene Tiefgarage // Stadtwall

Das Wasser war bis zu unserem Eintreffen bereits wieder abgelaufen, wir übernahmen den nächsten Auftrag.

11. Einsatz – Vollgelaufener Keller // Mühlweg

Auch hier kamen wir erst Stunden nachdem der Bürger den vollgelaufenen Keller meldete. Inzwischen hatte er sich mit Pumpen selber weitergeholfen und wir konnten uns wieder für den nächsten Auftrag melden.

<< Wir bekamen ein eigenens, sehr großes Schlauchboot zugeteilt, welches wir auf unserem Dach befestigten. >>

12. Einsatz – Bürger eingeschlossen in der Frankfurt

Die Einsatzleitung hatte entschieden, alle Bürger in der Frankfurt darüber zu informieren, dass es keinen Weg mehr aus dem Viertel gibt. Die Häuser standen großteils Trocken, aber die Zufahrten waren abgeschnitten. Da wir das große Schlauchboot hatten, war es unser Job. Alle Bürger entschieden sich vor Ort zu bleiben.

13. Einsatz – Personenrettung Bleichenstraße (Teil 2 von 03:30 – 07:00 Uhr)

Bei der Leitstelle gingen wieder Notrufe von der Bleichenstraße ein, dass sich die Lage dort weiter verschlechtert hat. Zusammen mit der Einsatzleitung entschieden wir, alle zu evakuieren. Die Strömung spülte nun schon seit Stunden am Haus und die Stabilität konnte nicht garantiert werden. Da der Pegelstand der Spree im Oberland nicht mehr gemessen werden konnte, hatten wir keine Zahlen, ob der Scheitel erreicht war, oder noch nicht. Aus den umliegenden Häusern evaktuierten wir nochmal 10 Personen. Unser ehemaliges Feuerwehr Motorboot, jetzt im Besitzt vom Seepferdchen-Verein, wurde hinzugezogen.

Gerade als wir alles einpackten, kam die Meldung, dass die Deiche zum Waggonbau gebrochen sind. Wir bekamen aber eine Zwangspause verordnet von mind. 1h. Diese nutzten wir um das Fahrzeug wieder aufzuräumen und neu zu bestücken. Leider war das Frühstück noch nicht geliefert bevor wir unseren nächsten Auftrag bekamen ..

14. Einsatz – Mehrere vollgelaufene Keller Dresdner Str.

Es war gegen 8 Uhr als wir eintrafen. Die Stimmung der Bürger war freundlich und man freute sich uns zu sehen. Wir begannen mit dem Auspumpen der ersten Keller und ich veranlasste die EWB, den Strom wieder einzuschalten. Die Eigentümer der umliegenden Häuser meldeten sich bei mir, und ich versprach solange zu bleiben, bis alle Keller leer sind. Ich stellte mich auf einen gemütlichen Vormittag unter netten Bürgern ein. Plötzlich Alarm, Brandmeldeanlage Landratsamt eingelaufen. Ehe ich den Alarm im Fahrzeug bemerkt hatte, stellte es sich als Fehlalarm heraus. Wir räumten weiter die Straße von den verirrten Containern frei. Dann wurden wir abgerufen, zu einem Gefahrguteinsatz.

15. Einsatz – Gefahrguteinsatz Spreebad // evtl. Chloraustritt

Wie giftig Chlor ist, brauch ich wohl nicht mehr zu erwähnen. Wir unterstützten die Berufsfeuerwehr beim Prüften der umher schwimmenden Chlorbehälter. Das ganze erfolgt in sogenannten Chemikalienschutzanzügen – nach durchgearbeiteter Nacht eine enorme Belastung. Zum Glück trat kein Chlor aus, und wir konnten den Einsatz abbrechen. Direkt nach Abschluß der Aufräumarbeiten wurden wir über Pieper alarmiert – unüblich wenn wir bereits im Einsatz sind.

16. Einsatz – Schwerer Verkehrsunfall // Frontal-Crash auf Autobahn 4 mit 5 Verletzten

Was für ein Tag. Zum Hochwasser und den Aufräumarbeiten gesellten sich die ganz normalen Einsätze. Wir waren gerade in der Nähe der Friedensbrücke und daher besonders schnell auf der A4. Ich hatte etwas Angst, erstes Fahrzeug vor Ort zu sein, noch vor der Rettung. Wir waren das 2. Fahrzeug. Die Ortswehr Salzenforst war vor uns da und begann bereits mit der Rettung der schwer verletzten Beifahrerin. Der Rettungshubschrauber und viele Notärtzte und Rettungskräfte erreichten die Unfallstelle. Für den Fahrer kam jede Hilfe zu spät. Der Verursacher, ein Geisterfahrer, wurde ebenfalls schwer verletzt.

Da war es nun. Eigentlich hatten wir die letzten 20 Stunden alles im Griff, retteten Personen aus teilweise eingestürzten Häusern, … und jetzt kam ein Geisterfahrer und versaute uns den Tag. Aufgrund unseres Einsatzaufkommens und dem schweren Unfall mit einem Toten erwartete uns ein Notfall-Seelsorger auf der Wache. Das ist Routine bei Einsätzen mit Todesfolge für uns freiwillige Kräfte. Nach ca. einer Stunde Gespräch und nach 22 Stunden im Einsatz beschloss der Großteil meines Fahrzeuges, keine weiteren Einsätze zu übernehmen. Dem schloss ich mich an. Das Fahrzeug wurde mit anderen Kameraden neu besetzt und übernahm weitere Aufträge.

Anmerkungen:

Dieser Blogpost entstand auf Bitten verschiedener Personen, die gern die Arbeit der Feuerwehr bei dem Hochwasser Einsatz kennen lernen wollten. Alle Einsätze hier erfolgten durch Teamarbeit meiner Gruppe und nicht nur durch mich, das möchte ich nochmal anmerken. Auch ohne die Kräfte, die Sandsäcke füllten, wären wir an einigen Einsatzstellen einfach nur hilflos gewesen.

Besonders gefallen hat mir bei dem Hochwasser Einsatz die gute Organisation der Feuerwehren der Stadt (was eigentlich immer klappt), dass unser Oberbürgermeister Herr Schramm fast die komplette Zeit auf unserer Wache allen Einsätzen folgte und somit schnelle Entscheidungen möglich waren.

Insgesamt hatten wir ca. 150 Einsätze in der Stadt. Das liegt ungefähr auf dem Niveau von Orkan Kyrill. Nur dürften die Folgeschäden durch das Hochwasser wesentlich höher ausfallen.

Noch eine Anmerkung: Unsere Feuerwehr benötigt dringend weitere Freiwillige Helfer :) Gern auch im Rahmen des Katastrophenschutzes.

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Veröffentlicht von Christoph Schöne

Ich bin ständig auf der Suche nach neuem Input zu den Themen Mobile, Apps, Web, SocialMedia und eCommerce.

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